Ausnahmezustand


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Bild: Jeanett Rotter
Bild: Jeanett Rotter

Ich kenne eine junge Frau,

sie gibt jeden Tag ihr Bestes,

sie liebt eine Reihe von Menschen

und eine Reihe von Menschen liebt sie.

 

Ich kenne eine junge Frau,

sie geht gerne barfuß im Regen joggen

und sie liebt bunte Socken. 

Sie trägt gerne bauchfrei,

mag ausgefallenen Kopfschmuck

und jugendlichen T-Shirt-Aufdruck.

 

Ich kenne eine junge Frau,

sie ist gerne offen und ehrlich,

sie weint, wenn ihr danach ist, 

sie übt sich tagtäglich in Mitgefühl und Verständnis,

sie jedoch buhlt vergeblich um Verständnis.

 

Sie kommt so langsam darüber hinweg,

auch wenn es ihr schwer fällt,

die Narben zuwachsen zu lassen,

alles einmal Gewesene loszulassen.

 

Sie glaubt, sie sei normal,

doch man sagt ihr,

sie sei abnormal,

sie sei verwöhnt,

sie  lebe in einer anderen Welt,

sie habe eine bipolare Störung,

denn ihr Verhalten stößt nur allzu oft auf Empörung.

 

Gerade fragt sie sich,

wie es weitergehen soll,

wie sie es schaffen soll,

Anschluss zu finden,

ohne sich wieder an die bereits überwundenen

Maßstäbe der Gesellschaft zu binden.

 

Nach vielen Tränen trägt sie nun ein Lächeln im Gesicht,

doch gut gefällt ihr ihr Leben gerade nicht,

weil sie auf der einen Seite dazugehören will

und auf der anderen Seite sie selbst sein will.

 

Sie muss keinen ausgefallenen Kopfschmuck tragen

und sie muss auch nicht barfuß joggen gehen

und irgendwie muss sie es doch,

weil es zu ihr dazugehört,

weil der Kopfschmuck auf ihren Kopf gehört

und durch das Barfußlaufen der emotionale Schmerz aufhört.

 

Es macht ihr einfach Spaß

und sie kann nichts Falsches daran finden,

also fragt sie sich, warum sie es sich verbieten lassen soll?

 

Weil sie es muss!

 

Anders kann sie an diesem bestimmten Ort nicht akzeptiert werden,

weil man dort so nicht ist und so nicht gern gesehen wird,

weil Andersartigkeit Unsicherheit auslöst,

weil Einzigartigkeit auf Unverständnis stößt.

 

So ist es nunmal,

damit wird sie leben müssen,

weil sie genau an diesem Leben teilhaben möchte,

nicht ausbrechen möchte,

weil ihr dieses Leben Halt gibt,

weil ihr dieses Leben Sicherheit gibt,

weil ihr dieses Leben Zufriedenheit gibt.

 

Sie wird ab morgen ihre Haare anders tragen,

wird keine zu schrille Kleidung mehr tragen

und sie wird nicht mehr barfuß joggen gehen,

zumindest nicht an diesem bestimmten Ort,

zumindest nicht zu dieser aufgewühlten Zeit.

 

Sie braucht das alles nicht, um glücklich zu sein,

sie braucht nur sich und ein paar liebe Menschen,

mehr ist es nicht, mehr braucht sie nicht.

 

Schön, dass auch sie es jetzt endlich versteht,

dass sie nicht mehr überdreht,

sondern jetzt zu ihrer Normalität steht,

die ihr mindestens genauso gut steht wie ihre Extravaganz,

die ihr das Leben zu schwer macht,

weil sie aus ihrem Leben ein Kampf macht.

 

Schön, dass auch sie endlich begriffen hat,

dass es in der Gesellschaft Regeln gibt,

an die man sich zu halten hat,

die man wertzuschätzen und denen man sich zu beugen hat.

 

Sie hat verstanden,

dass sie sich nach jeder Verbeugung wieder aufrichten kann,

aus eigener Kraft

und es ist nicht mehr nötig, 

dass sie alles mitmacht,

nur das, was sich nicht umgehen lässt,

nur das, was ihr Spaß macht.

 

Ich kenne eine junge Frau,

sie hat viele Fehler gemacht

und doch hat sie immer alles richtig gemacht,

denn sie hat auf ihr Herz gehört

und da war nie was Falsches dran,

auch wenn ihr das jeder einreden wollte,

jeder an ihr den Fehler finden wollte,

weil er nicht gerne bei sich selbst schauen wollte.

 

Zu viele Probleme der anderen

sind zu ihren Problemen geworden,

sodass es den Anschein hatte,

als hätte diese junge Frau nur Probleme,

doch dem war nicht so,

sie hatte nur den Wunsch,

sie selbst sein zu wollen,

frei sein zu wollen

und sie hat einen hohen Anspruch  an sich selbst

sowie ihre Beziehungen,

sodass sie sich alles anschaut,

doch so funktionierte es für sie nicht,

so ging es nicht,

weil zu viele an ihrer Vita zweifelten,

an ihr verzweifelten,

also legt sie nun ein Lächeln auf,

schreibt sich selbst die Zufriedenheit ins Gesicht,

um zu sagen,

ihr kriegt mich nicht,

denn ich habe mich gefangen,

werde jetzt zu leben anfangen,

mich entspannen,

um dem Trauerspiel lebe wohl zu sagen,

denn sie hat keine bipolare Störung,

sie ist voll bei Sinnen

und sie will wieder gewinnen,

die Sympathie der anderen,

damit auch sie ein Lächeln im Gesicht tragen

und sich nicht mehr fragen,

was mit dieser jungen Frau nicht stimmt.

 

Keine Traurigkeit mehr,

kein Leid mehr,

kein Frust mehr.

 

Ich werde diese junge Frau beobachten und ihr mitteilen,

wenn sie sich nicht an ihre neu gesteckten Ziele hält,

wenn sie wieder in unliebsame Verhaltensmuster verfällt,

denn das kann sie sich nicht mehr leisten,

weder mental, noch seelisch, noch körperlich,

denn sie kann nicht mehr,

braucht Umarmungen,

braucht Nähe und Wärme

und dafür macht sie es ihren Mitmenschen leichter,

wenn sie ihnen ein Stück entgegen kommt,

andernfalls riskiert sie,

dass sie bald gar nichts mehr bekommt

und dann auf sich selbst nicht mehr klarkommt,

was schade wäre,

weil sie diejenige ist, die immer dafür sorgt,

dass JEDER eine zweite, dritte, vierte

und wenn es sein muss eine 100ste Chance bekommt.

 

Das steht auch ihr zu.

Das steht auch ihr zu, 

denn sie ist lernfähig

und gleichzeitig ist da dieses Gefühl in ihrem Herz, 

das sie immer leiten wird, 

auf das sie sich immer zurückbesinnen kann

und im entscheidenden Moment danach handeln kann.

 

Alles andere ist dann nicht wichtig und zählt dann nicht, 

nur das Gefühl, welches sie mit sich selbst rückverbindet

und sie zur Ruhe kommen lässt.