Ausnahmezustand


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Bild: Jeanett Rotter
Bild: Jeanett Rotter

Lust auf Leben habe ich gerade keine,

ich fühle mich zu schwach,

fühle mich zurückgelassen,

fühle mich alleine.

 

Vieles hat sich verändert,

wenig ist geblieben,

Neues soll endlich hinzukommen,

die Selbstheilung soll siegen.

 

Ich habe Altes neu überholt,

habe mir das ein oder andere zurückgeholt,

doch viel war nicht mehr brauchbar

und nichts ist ersetzbar.

 

Loslassen fällt mir schwer

und doch muss es sein,

aber warum fühle ich mich dann nicht gesegnet,

nur allein?

 

Weil ich gerade alleine bin,

auf mich alleine gestellt bin,

ob ich will oder nicht,

in der Einkehr zeigt sich mir mein wahres Gesicht.

 

Hier kann ich mir nichts mehr vormachen,

hier hilft keine Ablenkung mehr,

hier wird das Glücklichsein besonders schwer,

weil ich angehalten bin,

mit mir selber glücklich zu sein

und keinen Menschen habe,

der mich mitzieht, der mich hochzieht,

der im Stande ist, mich aufzumuntern,

sich angemessen um mich zu kümmern.

 

Hier kommt es nur auf mich an

und ich frage mich gerade,

ob ich tatsächlich mit mir selber glücklich sein kann.

 

Ich glaube zu wissen,

was mir fehlt,

ich spüre ganz deutlich,

was mich quält,

doch was genau verschafft mir Linderung,

wie genau veranlasse ich die Genesung?

 

Ich könnte zum Arzt gehen,

doch das will ich nicht,

ich könnte zu ihr gehen,

doch das will ich nicht,

ich könnte zu ihm gehen,

doch das will ich nicht,

zumindest nicht heute,

vielleicht morgen,

heute will ich einfach hier bleiben,

nicht unnötig leiden,

will in Ruhe alle Sorgen vertreiben

und dann meine Geschichte weiterschreiben,

doch nicht zu früh,

nicht dann, wenn sie es wollen,

sondern dann, wenn ich es will,

wenn ich soweit bin,

wieder bei Kräften bin.

 

Solange mir die Kraft fehlt,

geht nur noch mehr verloren,

solange mir das Selbstbewusstsein fehlt,

geht nur noch mehr verloren

und ich kann mir keinen Verlust mehr leisten,

brauche Zugewinne,

damit ich wieder an Mut und Zuversicht gewinne.

 

Vieles, von dem, was sie tun, ist lieb gemeint,

doch das meiste geht nach hinten los,

lässt mich nur unschwer los,

somit ist Rückzug meine erste Wahl,

denn mein unsäglicher Zustand ist real.

 

Sie verstehen es nicht

und sie müssen es nicht verstehen.

Sie empfehlen mir Bewegung,

sie empfehlen mir Beschäftigung,

doch wie, wenn keine Kraft da ist,

doch wie, wenn kein Wille da ist?!

 

Alles reduziert sich

auf die Befriedigung meiner Grundbedürfnisse,

essen, trinken, schlafen, gesund sein wollen

alles andere ist gerade unwichtig

und alles andere wichtiger zu nehmen, ist nicht richtig.

 

Mein Körper will es so,

also gehen meine Seele und mein Geist mit,

auch wenn sie anderes anstreben

und nicht gerne zu Hause festkleben.

 

Gerade ist es so und es ist auch gut so

und ich freue mich darüber,

dass ich es mir erlaube,

mich so fühlen zu dürfen,

mich voll und ganz meiner Genesung hingeben zu dürfen.

 

Das macht mich nicht glücklich,

doch es macht mich für den Augenblick zufrieden

und mir wird bewusst,

genau in diesem Moment lerne ich mich wahrhaftig zu lieben.

 

Du hast mir Zeit geschenkt,

Zeit, mich mit mir beschäftigen zu dürfen,

überall da hinspüren zu dürfen,

wo ich noch nie hingespürt habe,

weil keine Zeit dafür da war,

nicht genug Ruhe und nicht die Notwendigkeit, 

in die Tiefe zu gehen,

um auch diesen Trip zu überstehen.

 

Sie sagen, ich soll mich aufraffen,

soll mich dazu zwingen,

es zu etwas bringen

und das nur, 

weil ich so töricht bin,

mich zu beschweren,

sodass sie sich genötigt fühlen,

mir kluge Ratschläge zu erteilen,

die nicht klug sind,

nur weiterer Müll auf meiner Mülldeponie kluger Ratschläge sind,

die nie klug waren,

nur Versuche, mir unbedingt helfen zu wollen,

doch davon muss ich jetzt Abstand nehmen,

indem es mir gelingt,

den Segen meiner Situation zu sehen.

 

Ich habe Zeit gewonnen,

ich habe Ruhe gewonnen,

ich habe eine einzigartige Chance bekommen,

mein Leben auf diese Weise zu genießen,

also werde ich trotz meiner Schmerzen

nicht länger im Selbstmitleid zerfließen.