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FRIEDEN FINDEN

Foto: Sonja Schäfer
Foto: Sonja Schäfer

Ich war ein Kind, dass die Freiheit liebte

und das sich schnell eingeengt und unverstanden fühlte.

Wenn mich diese merkwürde Welt zu Boden riss,

habt ihr mir zugehört, habt mich wieder aufgebaut,

habt mir mehr als andere Eltern erlaubt

und gleichzeitig waren die Grenzen und die Konsequenzen klar.

 

Ich durfte auf hohe Bäume klettern,

ich durfte auf Rad und Rollschuhen steile Wege hinunterbrettern.

Ich durfte mit Opa und dem Traktor durch die Rhön fahren,

ich musste nach außen keinen öden Schein wahren.

 

Wenn ich irgendwo meine Meinung sagte,

dann habt ihr mich verstanden,

habt zu mir und meinen unbequemen Worten gestanden.

Wenn ich mal hysterisch und verzweifelt war,

wart ihr trotzdem und erst Recht für mich da.

 

Andere haben mir immer das Gefühl gegeben,

dass mit mir etwas nicht stimmt,

dass ich zu dünn, zu frech, zu direkt bin,

nicht das perfekte Abbild einer Tochter bin,

aber das ist für euch nie ein Thema gewesen,

ihr seid immer für mich da gewesen.

 

Ihr wart nie indiskret, hattet ihr ein Problem,

habt ihr mit mir persönlich geredet,

habt euch nicht bei anderen über mich ausgeheult,

habt keine unwahren Worte gestreut.

 

In eurer Mitte durfte ich mich frei entfalten,

durfte meine Zeit selbst gestalten,

egal, ob ich puzzeln oder lesen wollte,

ob ich basteln oder Sport treiben wollte,

ihr habt mir meinen Freiraum gegeben,

bei euch hatte ich ein schönes Leben.

 

Ihr habt uns Kinder immer ernst genommen,

wart bereit, unsere Anliegen mit uns durchzudiskutieren,

hattet die Bereitschaft, auch unsere Meinung zu studieren.

Ihr habt nicht über unsere Köpfe hinweg entschieden,

ihr wart bereit, uns so, wie wir sind zu lieben

und ihr habt uns nie zu Dingen, die uns fern lagen, angetrieben.

 

Ich durfte mit Freunden im Freien und im Schwimmbad sein,

musste meine Freude am Leben nicht verdrängen

und durfte ein selbstbestimmtes Kind sein.

Ich durfte meine Hobbies selber wählen,

ich durfte meine Freunde selber wählen,

ich durfte meine Kleidung selber wählen,

selbst wenn ich mal schräg herumgelaufen bin,

habt ihr mich machen lassen,

habt mich meine Erfahrungen sammeln lassen,

habt mich mit typischen Elternreaktionen in Ruhe gelassen, 

stattdessen hattet ihr stichhaltige Argumente, 

habt uns zuverlässig geführt

und habt uns immer wieder

mit eurer Überzeugungskraft berührt.

 

Ihr habt keinen Stress geschoben,

wenn ich lange wach war,

wenn ich noch nicht ins Bett gehen konnte,

weil ich noch nicht müde war.

 

Ihr habt für uns immer alles gegeben,

habt uns nie hinten angestellt in eurem Leben.

 

Ihr habt darauf vertraut,

dass wir die richtigen Entscheidungen treffen werden,

deshalb war es bei uns nicht wichtig,

dass uns Dinge, die wir liebten, verboten werden.

 

Ihr habt mir immer das Gefühl gegeben,

dass ich etwas ganz Besonderes bin

und gut so bin, wie ich bin.

Das daraus resultierende Gefühl war schön,

das daraus resultierende Leben hat Spaß gemacht

und hat alles leicht und gut erträglich gemacht.

 

Das sind schöne Erinnerungen, die mir heute die Kraft geben,

meinen erlebten Freiraum in mein Leben zurückzuziehen,

ihn in mein Leben zu integrieren,

mir das alte Muster zu kopieren.

 

Auch heute gehe ich noch gerne spät ins Bett,

gegen Mitternacht fühle ich mich selig und komplett.

Auch heute noch klettere ich gerne auf Bäume,

ich verwirkliche auch heute noch gerne meine Träume.

Ich mag es immer noch, mich körperlich zu betätigen,

kreativ zu sein, in entspannter Atmosphäre zu verweilen.

 

Damals brauchte mein Rücken Streicheleinheiten

vor dem Einschlafen, 

auch das mag ich noch heute gern,

das entspannt mich und hält alle Sorgen von mir fern.

 

Angst kannte ich als Kind nicht

und ich hatte nie eine überzogene Rückmeldepflicht.

Somit bekam ich ein enormes Urvertrauen in mein Leben,

auf das ich mich heute zurückbesinnen kann,

zum Glück weiß ich bereits, wie es sich anfühlt,

wie es mögliche Zukunftsängste hinfortspült.

 

Im Kreise meiner Familie habe ich gelernt,

allen Menschen Wertschätzung entgegenzubringen,

egal, ob übergewichtig oder schlank,

egal, ob gesund oder krank,

egal, ob groß oder klein,

egal, ob mit Partner oder allein,

egal, ob Frau oder Mann liebend,

egal, ob Gewohnheit oder Abenteuer liebend,

egal, ob mit höherer Bildung oder Hauptschulabschluss,

in dieser Angelegenheit gab es bei uns nie Verdruss.

 

Im Kreise meiner Familie durfte ich einfach sein,

ich musste keine Erwartungen erfüllen,

ich konnte meine Freiheit genießen

und brachte so meine Ideen zum Sprießen.

 

Ich durfte stundenlang

meinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen,

ohne, dass man an mir herumgemeckert hat,

ohne, dass man mich zum Aufhören animiert hat,

ohne, dass man sich an meinem Perfektionismus gestört hat,

ohne, dass man mich zu Alternativen angetrieben hat.

 

All diese Anlagen wurden in meiner Kindheit gelegt,

all meine Talente wurden gehegt und gepflegt.

Mama, an dir schätze ich deine Liebe zum Detail

und deine Natürlichkeit,

Papa, an dir schätze ich deinen Sinn für Gerechtigkeit

und deine Weisheit.

 

Ihr habt mir eure Begabungen in die Wiege gelegt,

sie haben mich von Anfang an geprägt

und werden jetzt freigelegt.

 

Ich bin stolz darauf,

eine Kreuzung aus euch beiden zu sein,

ich bin stolz darauf,

eure Tochter zu sein,

ich bin stolz darauf,

eine Müller, eine Herget zu sein.

 

Ihr habt mich zu einer starken Persönlichkeit erzogen,

habt mir immer erlaubt, frei zu sprechen,

und habt mich dabei unterstützt

die Ungerechtigkeit um mich herum zu erkennen

und zu durchbrechen.

 

Doch in dieser fehlgeleiteten Welt funktionierte das,

was wir uns gegenseitig beigebracht

und etabliert hatten nicht.

Es wurde totgeschwiegen, es wurde beschwichtigt,

es wurde einfach alles dafür getan,

dass die Wahrheit nicht ans Licht kam.

 

In dieser Welt kam ich nicht zurecht,

weil sie manipulativ war, weil sie falsch war,

weil sie nicht die Welt war, in der ich großgeworden war.

Das war unsäglich,

weil ich mich unendlich abstrampelte,

bis ich keine Kraft mehr hatte, bis ich aufgegeben hatte.

 

Doch wer sich jahrelang abgestrampelt hat,

der hat die ganze Zeit trainiert, ohne es zu wissen

und sieht das Leben nicht mehr verbissen.

So jemand sieht das Leben als das, was es ist,

ist kein Fantast, sondern Realist

und irgendwann ist dieser Jemand sogar dankbar,

dass er hier auf der Erde ist,

damit er endlich die Missstände angehen kann,

sie zumindest für sich selbst transformieren

und umschreiben kann

und sich nicht zuletzt darüber amüsieren kann.

 

Was ihr angefangen habt, führe ich weiter

und eure Enkelkinder werden es uns gleich tun,

weil unser Blut und das Blut unserer Ahnen

durch ihre Adern fließt,

weil wir ihnen ein gutes Modell sein werden

und weil wir ihnen alles, was sie benötigen,

mit auf den Weg geben werden.

 

Sie werden mitgehen,

werden auf ihre Weise auf ihre Mitmenschen eingehen,

werden sie sie selbst sein

und so wie sie sind,

werden sie genau richtig sein.